Es ist nicht leicht als dicker Mensch durch die Welt zu gehen. Ich weiss das, denn ich war lange Zeit dick.  Dann habe ich beschlossen abzunehmen, weil ich den Druck von aussen nicht mehr ausgehalten habe. Diese Blicke, die dir ständig sagen: "Boahhh bist du hässlich! Du stopfst doch den ganzen Tag nur Sachen in dich rein!" Da habe ich lieber Hunger. Aber die Angst wieder dick zu werden, ist immer da.

Ruth

Als Kind wurde ich dauernd gehänselt, dabei war ich nie wirklich dick. Ich hatte ein bißchen Babyspeck. Die Jungs in der Nachbarschaft nannten mich "Fette Henne" und in der Schule war ich "Schwampi 2". "Schwampi 1" war ein anderes Mädchen, das auch nicht dick war. Ob dick oder dünn, ist dann fast schon egal. Denn irgendwann glaubst du einfach, dass du fett bist und bekommst ein merkwürdiges Bild von dir und deinem Körper. Irgendwann habe ich tatsächlich geglaubt, dass ich dick bin und fing an, mich für meinen Körper zu schämen. Ich ärgere mich heute noch darüber, wie es sein kann, dass sich irgendwelche Jungs rausnahmen, mich so zu demütigen und ich bin immer noch wütend darüber, dass nie jemand etwas  dagegen sagte. Vielleicht dachten die anderen, dass ich ja gar nicht dick bin und mich die Beschimpfungen deshalb nicht verletzen würden. Aber auch wenn ich tatsächlich dick gewesen wäre, hätte niemand das Recht gehabt, so mit mir umzugehen.

Helena

Seit ich in meine alte Jeans nicht passe, fühle ich mich dick. Und seitdem mir mein Bruder und meine Mutter sagten, ich soll abnehmen. Wenn ich wieder in die alte Jeans passe, werde ich glücklich sein.

Dicksein. In meiner Familie ist dies Veranlagung. Besonders meine Cousine litt sehr darunter. Ihre Eltern, besonders ihr Vater und Brüder haben sie immer gemoppt deswegen. Und das vor allen andern. Bei jedem Familientreffen fielen Sprüche wie „ess nicht so viel, sonst wirst du noch fetter“ oder „willst du nicht langsam aufhören mit Essen, es reicht doch jetzt“. Das tat mir immer sehr weh, und ihr noch mehr. Ich glaube, sie hat deshalb noch mehr gegessen. Der Kontakt zu ihrem Vater hat sie mittlerweile abgebrochen, zu ihrer Familie ist er eher gestört. Wenn man einen engen Menschen damit leiden sieht, ist es umso wichtiger auch andere Menschen zu schützen, die ihrer Figur wegen gemobbt oder ausgeschlossen werden. Niemand hat das Recht einen Menschen wegen dem, wieviel er isst oder wie er aussieht zu verurteilen und wie kaputt es jemanden machen kann, habe ich in meiner Familie mitbekommen. Das Schlimme daran finde ich aber, dass die Anfeindungen nichts mit meiner Cousine zu tun hatten, sondern nur die Unzufriedenheit ihres eigenen Vaters widerspiegelten. Als Kind kann man dies leider nicht differenzieren.

#AllBodysAreBeautiful.

Sarah


 

Realistisch weiß ich, dass ich das nicht bin. Dick. Aber manchmal fühle ich mich extrem unwohl, wenn ich mit ein Paar Kilos mehr zu weiblich aussehe. Ich identifiziere mich oft mit meiner Konfektionsgröße. Es wurde mir auch gesagt, dass ich lieber abnehmen soll (quasi wegen meines Berufes, ich bin Schauspielerin). Ich war sehr traurig. Traurig war ich auch, als das wegen meiner Medikamentierung passierte (Zunehmen) und ich mein Gewicht nicht beeinflußen konnte.

 

shnjawy

Wie es mir geht? erbärmlich, vor allem moralisch.
Der Bauch klemmt heut wieder besonders in meiner Hose.
Ich krieg schlecht Luft, weil mein Fett mir selbige abschnürt.
Für mich ist mein Aussehen kein thema, ich vermeide es mir Gedanken darüber zu machen.
Wieso auch? Das würde nichts ändern.
An guten Tagen denke ich nicht an mein Gewicht. Das ist dann so, als hätte ich mich an mich gewöhnt. Dann bin ich wie alle anderen, einfach ein Mensch.
Der Spiegel sagt was anders.
Die Blicke der Anderen sagen was anders.
Ich sehe Ekel. Verachtung. “Wie kann die sich nur so gehen lassen!”
Ich bleibe besser zu Hause. Gut mit dem Homeoffice. Ich liebe diese Massnahmen.
Jeder ist mit sich beschäftigt. Kaum einer guckt mich an hinter seiner Maske.
Endlich nur noch zu Hause bleiben und für mich sein.
Niemanden mehr umarmen müssen. Nicht mehr denken, oje, jetzt fasst Jemand meinen hässlichen, fetten Körper an und denkt, “Oh Gott, ist die fett!”
Jetzt hat Jeder einen guten Grund für Abstand. Kein Anfassen mehr.
Kein so tun, als ob man dich mag. Jeder ist für sich. Keine Verabredungen mehr. Nicht mehr unbeholfen im Cafe sitzen, auf zu engen Stühlen. Stühle mit Armlehnen gehen gar nicht, das würde mir alles wegquetschen. Aber auch die einfachen Stühle sind eine Herausforderung.
Dann stundenlang den Becher Milchkaffee anstarren, weil ich unmöglich ein Stück Kuchen essen kann, ausgesetzt von den Blicken der anderen Gäste, die sagen: “Die kann wohl nicht genug bekommen!” Wenn die Kellnerin kommt auf den Boden gucken, wenn mich mein gegenüber fragt, ob ich noch was will, den Kopf schütteln, obwohl ich am liebsten alles was da hinter dem Tresen niedlich steht in mich reinschaufeln will. “Nein danke, für mich nicht!” Ist mein dauerspruch in der Öffentlichkeit. In jedem Restaurant. jedem Cafe. “Nein danke, für mich nicht. Ich bin satt”. Und die Menschen nicken zufrieden. Sie hatten sich das eh gedacht, gut dass ich es nun auch einsehe. Doch die Wahrheit ist, ich habe Hunger. Immer. Diesen unstillbaren Hunger. Kaum zu Hause versuche ich diesen Hunger zu befriedigen.
Was mir immer nur für sehr kurze Zeit gelingt. Dann ist der Hunger wieder da.
Endlich sind die Cafes zu. Keiner will sich mit mir verabreden. ich bin allein. Keiner da der mich verachtet. Doch. Ich bin da.

Amina

Ich war 15 oder 16, ich war mit meiner Mama an der Ostsee. Am Strand haben wir eine Frau mit Kinderwagen gesehen. Sie war ultraschlank, hatte einen sehr glatten Bauch. Meine Mutter meinte: "Toll, dass die Frau sich so gut nach der Geburt in Form gebracht hat." Mein Bauch sah schon damals überhaupt nicht so aus. Aber irgendwie ging dieser Satz nie aus meinem Kopf. Jetzt habe ich zwei Kinder. Die sind gesund, was will man mehr haben? Ich bin auch nicht wirklich viel größer nach diesen Schwangerschaften geworden. Aber mein Bauch und meine Dehnungsstreifen. Ich werde niemals so aussehen wie diese Frau am Strand. Und immer wenn ich an mir runterschaue, denke ich an diese Szene und an die Worte meiner Mutter. Auch wenn das vor zwanzig Jahren war.

 

Katya

Ich erzähle über meine Mama, die ein wenig dicker ist. Das war wohl mal anders. Bevor sie mit uns drei Kindern schwanger war, gab es eine Zeit in der sie sich hinter einen Besen verstecken hätte können.

Das erzählt sie zumindest. Aber Photos, die sie als diese so sehr schlanke Person dokumentieren, habe ich nie gesehen. Auf den Bildern, die ich kenne, hatte sie immer schon ein breites Kreuz und Doppel D.

Als junge Frau entsprach sie eher so dem Typ Brigitte Bardot: blond, vollbusig und drall. Kurz gesagt: Meine Mutter war wohl schon immer runder sowie auch muskulös und hatte noch nie einen Körper, mit dem sie sich hinter einem Besenstil hätte verstecken können. Ihre Erzählungen über sich als dürres Mädchen in der Vergangenheit muss wohl einer Wunschvorstellung entsprechen, die sich bei ihr über die Jahre als reales Bild  ihrer selbst manifestiert hat, um sich ein Stück Würde zu bewahren.

Würde gegenüber sich selbst. Und so ist aus einer einst jungen schlanken Frau eine dicke geworden, die sich unter den Anfeindungen ihrer Familie permanent dafür rechtfertigen muss, warum ihr Körper nicht so ist, wie ihn sich alle anderen wünschen. Mein Vater machte noch nie ein Geheimnis daraus, dass er meine Mutter attraktiver fände, wenn sie schlanker wäre und setzt sie bis heute unter Druck, dass sie eine Diät machen soll. So lange ich denken kann, redet er auf sie ein: „Jetzt mach doch endlich mal was!“ Auch meine Oma ist der Meinung, meine Mutter sollte schlanker sein und lästert hinter ihrem Rücken, wie unglaublich fett und undiszipliniert sie sei.

Ich bin mir sicher, meine Mutter leidet mehr darunter, dass ihr Körper zur täglichen Zielscheibe der Familie wurde, als an den körperlichen Folgen ihres leichten Übergewichtes.
Aber irgendwann bekam auch mein Vater im Alter selber ein Bäuchlein und andere Beschwerden kamen hinzu. Er fing an, Sport zu betreiben. Mir kam es allerdings so vor, als ginge es dabei gar nicht nur um die Reduktion seines Bauches oder der Verbesserung seiner Gesundheit, sondern darum, meiner Mutter eins auszuwischen. Er wollte ihr demonstrieren, wie schwach sie war und dass mit genügend Willenskraft und Disziplin durchaus die Möglichkeit bestünde, an sich zu arbeiten und Gewicht zu reduzieren.
Wie sehr meine Mutter unter diesem jahrelangen Fat-Shaming litt, wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, als ich als kleines Kind einen Ausflug mit meinen Eltern und beiden Geschwistern machte und wir eine große Tüte mit Weingummi für die ganze Familie kauften. Um uns Kinder zu belustigen, griff meine Mutter mit einer gierigen Krakenhand in die Tüte und stopfte die Süßigkeiten mit weit aufgerissenen Augen in sich hinein.

Der Spaß hatte schnell ein Ende. Mein Vater riss ihr verärgert die Tüte aus der Hand und sagte: „Jetzt ist Schluss! Du hattest schon genug!“ Wir Kinder taten es ihm nach und krallten uns an der Tüte fest. Da brach meine Mutter in Tränen aus und zog sich still zurück. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich tiefes Mitgefühl gegenüber meiner Mutter. Ich nahm sie als verletzliches Wesen wahr und mir wurde schlagartig bewusst, wie sehr sie unter den jahrelangen Demütigungen ihrer eigenen Familie wohl gelitten haben musste. Seit diesem Tag an, hat sich einiges verändert. Meine Mutter ist nicht dünner geworden, aber ich habe meine Einstellung verändert und bin sensibler dafür geworden, welche Kränkungen und Wunden Body-Shaming bei den Betroffenen hinterlassen kann.

Am schlimmsten war meine Klavierlehrerin: Ich bin als 13 jährige etwas auseinander gegangen und sie meinte, ich kann mich nicht so vernachlässigen, sonst wird mich keiner heiraten 

Ein guter Bekannter von mir ist wirklich dick. Er ist Opernsänger und nimmt sein Körpergewicht, wie ich finde, gelassen. Allerdings hat er schon einige Male eine Rolle nicht bekommen, mit der Begründung, er sei zu dick.

Ich sehe hier jeden Tag Eltern die vormittags, also vor 12 Uhr, um 9 oder 10 Uhr Burger mit dem Kind essen. Vor ein Paar Tagen habe ich die dicke Mutter und den dicken Sohn gesehen wie sie Burger im Brot essen. Ich war sauer auf sie und dachte: Das ist Gewalt gegen Kinder, die als Zuckerwatte verpackt ist. Und eigentlich sind das unsichtbare blaue Flecken.